Tea und Aikido
Tee wird seit etwa 2000 Jahren in China angebaut und gezüchtet. – anfangs nur für medizinische Anwendungen. Buddhistische Mönche brachten ihn vor ca. 1500 Jahren nach Japan, wo die Japaner ihn dann nicht nur als Heilmittel anbauten sondern auch als tägliches Getränk verwendeten.
Die japanische Teezeremonie entstand ab 1300 über die Zen-Philosophie. Matcha (reiner Tee) wird für die Teezeremonie verwendet, ryokucha (Grüner Tee) oder bancha (getrockneter Tee) benutzen die Japaner als tägliches Getränk. Matcha ist sehr teuer und normalerweise nur für die Teezeremonie vorgesehen. Ryokucha ist für den täglichen Gebrauch gedacht und sollte sofort nach der Zubereitung getrunken werden. Bancha kann auch noch Stunden nach dem Aufgießen getrunken werden, das ist bequemer und er ist auch billiger.
Ich habe mehrere Wochen lang morgens matcha getrunken und dabei herausgefunden, das er tatsächlich leichter zuzubereiten ist als grüner Tee oder Kaffee. Das kommt daher, dass matcha in der Tasse aufgegossen wird; es gibt keine Rückstände, die man entsorgen müsste. Grüner Tee oder Kaffee dagegen muss in einer Kanne zubereitet werden, dabei gibt es Kaffeesatz bzw. Teeblätter am Boden des Gefäßes, die nachher weggeworfen werden müssen. Matcha wird auch in der eigenen Tasse bereitet, grüner Tee oder Kaffee kann für mehrere Tassen zusammen gekocht werden. D.h. matcha Trinken ist bequem für Einzelpersonen, grüner Tee oder Kaffee besser für mehrere Personen. Am besten für die Gesundheit ist matcha, grüner Tee ist aber auch ganz gut. Man muss allerdings sagen, dass Kaffee nicht so gut für die Gesundheit sein kann.
Eine grundsätzliche Frage ist, ob man in einer Gruppe oder alleine leben soll. Folgt man der Tradition in der Meditation, so sollte man sich einen Weg suchen, um alleine zu leben. Das entspricht dem Selbstverständnis in der Kampfkunst. Ein Kampkünstler ist im Grunde ein einsamer Individualist. Daher kann man ihn auch nicht als Soldat bezeichnen. Ein Soldat ist Mitglied einer Gruppe, die sich Armee nennt. Kampfkunst wendet sich grundsätzlich gegen die Militärkultur.
Das Selbstverständnis von Zen oder den Kampfkünsten hat Ähnlichkeit mit der europäischen Aristokratie. Die Macht des europäischen Adels stützte sich auf Landbesitz und Häuser. In England war die Erbteilung untersagt, so musste der Vater einen Sohn auswählen, dem er das Haus und das gesamte Land übergab. Töchter mussten heiraten, um versorgt zu sein. Die anderen Söhne gingen in die Armee oder den Klerus, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Andernfalls wären sie vom Land besitzenden älteren Bruder abhängig geworden. Die Landbesitzer waren daher in einer besonderen Stellung. Das führte zu ihrem Selbstverständnis als Gentlemen, die im Charakter einem Kampfkünstler ähneln. Gentlemen mussten mit Schwert und Schusswaffen umgehen können, um sich selbst zu schützen.
Einfache Leute oder Bauern mussten in einer Gemeinschaft leben, um Nahrungsmittel herzustellen. Es ist viel logischer und praktischer in der Landwirtschaft gemeinsam zu arbeiten. Weltweit ist es deutlich zu erkennen, dass die bäuerliche Kultur auf Gruppenbildung basiert. In Japan ist der Kontrast zwischen der Gemeinschaftskultur der Bauern und der individualistischen Kultur des Zen und der Kampfkünste sehr deutlich erkennbar. Ein Japaner kann beides gleichzeitig sein, ein völliger Individualist wie z.B. ein Kampfkünstler oder Zen-Jünger oder aber auch die allgemeine Gemeinschaftskultur genießen.
In den letzten hundert Jahren hat sich die Landwirtschaft stark gewandelt. Es ist keine Gruppenaktivität mehr, die auf einer Gemeinschaft basiert, sondern sie ist zu einer Industrie geworden, die vom Eigentümer betrieben wird. Der Einsatz von Maschinen und Chemieprodukten hat die Landwirtschaft verändert. Das Leben in Gruppen geriet in Vergessenheit und man begann als Individuum zu leben. Dass man mit anderen zusammenlebt, toleriert man jetzt nur noch. Wenn man genug Geld hat, lebt man lieber allein oder mit jemandem zusammen, den man liebt. Wenn also das Zusammenleben mit Anderen zur Belastung wird, hat man immer noch die Möglichkeit, alleine zu leben. Das Alleineleben ist zur weltanschaulichen Grundidee geworden. So hat es jeder irgendwie zum Landedelmann gebracht.
In Japan hatten die Kampfkunstmeister das Alleineleben gewählt, daher gefielen ihnen Zen und die Teezeremonie. Wenn man es geschafft hat, alleine zu leben, versteht man, dass die Nahrung das Einzige ist, was man im Leben braucht. Man kann die Nahrung selbst herstellen, aber in Gemeinschaft mit anderen ist es viel einfacher. So begannen sogar die Kampfkunstmeister mit dem Alleineleben und lebten schließlich mit anderen Bauern zusammen. Sie beenden ihr Leben als Bauern. Das ist die Tradition in den japanischen Kampfkünsten.
Das Gleiche passierte im Aikido. Ueshiba Morihei fing mit den Kampfkünsten an. Sein Lehrer, Takeda Sokaku, war ein typischer Individualist. Er reiste alleine und hatte einen schlechten Charakter. Obwohl Ueshiba die Techinken von Takeda schätzte, konnte er Takedas Art zu leben nicht übernehmen. So hörte er mit den Kampfkünsten auf und ging stattdessen zu einer Religion namens Omotokyo. Die Grundidee von Omotokyo war der Versuch, eine Gemeinschaft zu begründen, die auf der Landwirtschaft basierte. Unglücklicherweise versuchte die japanische Regierung zu jener Zeit, anfangs des 20. Jahrhunderts, die Industrie zu fördern, indem sie die Landwirtschaft zerstörte. Schließlich wurde Omotokyo verboten und Ueshiba war gezwungen, von der Religion Abstand zu nehmen. Aus diesem Grund begann Ueshiba Aikido zu unterrichten. Es war seine Idee, über die Kampfkunst einen Weg zur richtigen Art zu leben zu schaffen. 1930 fing er an Land in einer Gegend namens Iwama zu kaufen. Sein Beweggrund war, dass er Nahrung produzieren wollte als Bestandsteil der Kampfkunst. Er nannte es Takemusu-Aikido (Nahrung produzierendes Aikido). Er baute tatsächlich ein Dojo und ein Haus dort und unterrichtete einige Schüler in Aikido. Diese wenigen Schüler, die zwischen 1935 und 1950 Aikido in Iwama lernten wurden die Hauptlehrer des Aikido und verbreiteten es auf der ganzen Welt.
Die Logik der Kampkunst ist, dass man als Individuum anfängt und dann auf einem gemeinsamen Weg ankommt, ein Leben um Nahrung zu produzieren. Es gibt allerdings zwei Arten zusammen zu leben. Die eine ist, Nahrung zu erzeugen, die andere ist, Armeen zu bilden. Menschen brauchen Nahrung. Man kann die Nahrung selbst erzeugen oder sie Anderen wegnehmen. Der eine Weg setzt eine Landwirtschaft voraus, der andere Armeen, die die Nahrung weg nehmen. Daher sind Gemeinschaften, die Nahrung herstellen und solche, die Anderen die Nahrung wegnehmen, sehr verschieden. In Industrieländern entscheiden sich die Regierung dafür, Anderen die Nahrung weg zu nehmen statt selbst Lebensmittel zu produzieren. Das mag politisch korrekt sein, denn wenn ein Land nur Landwirtschaft betreibt, kommen andere Länder mit starken Armeen und nehmen ihm die ganze Nahrung weg.
Die grundlegende Frage ist, ob man lieber ein Leben, das auf Krieg basiert, oder ein Leben, das auf Frieden basiert, will. Wenn man in Frieden leben möchte, muss man im eigenen Land die Nahrung selbst herstellen. Das eigene Land kann der eigene Besitz, das Land der Gemeinschaft oder das Vaterland sein. Wenn die eigene Regierung auf Krieg setzt, ist man gezwungen seine Nahrung auf dem eigenen Landbesitz aufzuziehen, da die Regierung lieber die Landwirtschaft zerstört und Nahrung aus dem Ausland einführt. Natürlich benötigt die Regierung dazu eine starke Armee.
In Japan gab es keine Invasionen im Zeitraum zwischen 1350 (Mongolisches Reich) und 1850 (USA). Die japanische Kultur entwickelte sich ohne Bedrohung durch ausländische Invasoren und so musste die Nahrung innerhalb Japans erzeugt werden. Daher kommen die Kampfkunstmeister schließlich dazu eine landwirtschaftliche Gemeinschaft zu schaffen. In Europa hingegen gab es ständig ausländische Invasionen, bis zum heutigen Tag. Natürlich mussten die Regierungen daher starke Armeen aufstellen. Dazu mussten sie Industrie und Wissenschaft entwickeln.
Zu diesem Zweck zerstörten die Regierungen die Landwirtschaft. Es obliegt mir nicht zu sagen, was Regierungen tun müssen. Ich beschäftige mich nur damit, wie ich selbst leben sollte. Ich glaube es ist der Weg der Kampkunst und der Meditation. Entsprechend trinke ich jeden Morgen meinen Tee alleine, da meine Frau morgens lieber Kaffee trinkt.
Yoshigasaki Sensei, Februar 2006
Übersetzt aus dem Englischen: Bernhard Boll